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bericht christian
"mein Bericht"

 

 

geschrieben von Christian am 27.Dezember 2003

Hey Leute,

auch ich habe für lange Zeit unter Paruresis gelitten und weiss wie schlimm

diese Krankheit sein kann und wie sehr sie einen vereinnahmen kann. In

vielen Situationen war ich durch sie durch selbstzerstörerische Gedanken

getrieben kaum in der Lage mich vor anderen zu entspannen und mich fallen zu

lassen. Die einzige, die davon wusste war meine damalige Freundin, selbst

meine Familie wusste nicht über mich Bescheid. Auf jeden Fall habe ich mich

durch die Krankheit isoliert, bin zwar schon auf Party’s gegangen und habe

recht viel unternommen, doch die Isolation war hauptsächlich gedanklich. Ich

habe immer etwas geheimgehalten, auch meine besten Freunde wussten nicht

alles über mich und dieses Geheimnis musste ich dann z.B. in Situationen,

wenn man zusammen weggegangen ist, bewahren.

Ich sage kurz was zu meinen damaligen Symptomen von Paruresis: Ich konnte

ausschließlich in geschlossenen Räumen urinieren und selbst das hat in

manchen Situationen, vor allem wenn ich irgendwo zu Gast war und die

Toilette sich in der Nähe des Aufenthaltsraums befand nicht funktioniert.

Wenn andere anwesend waren, also in öffentlichen Toiletten hatte ich des

öfteren Probleme in der geschlossenen Kabine zu urinieren. Zeitdruck war ein

sicherer Indikator für mein (von mir damals so empfundenes) Versagen. Vor

allem hat das dazu geführt das ich mich vor anderen verschlossen habe, das

ich mich selbst immer eher als Außenseiter wahrgenommen habe, das das

Verhältnis zu meiner Familie nicht offen war, was aber noch andere Gründe

hatte und letztendlich, dass ich viel gekifft habe.

Das alles war ein ziemlicher Teufelskreis, bis ich dann zu einem Punkt

gekommen bin, wo ich dachte, dass ich kurz davor bin richtig durchzudrehen.

Die Beziehung zu meiner Freundin ist auf übelste Weise in die Brüche

gegangen, meine körperliche Verfassung war (vor allem durch das Kiffen)

miserabel, ich hatte keine berufliche Perspektive und habe dazu noch

erfahren müssen, dass ich eventuell unfruchtbar bin, da ich Krampfadern und

eine bakterielle Entzündung im Hoden (leider noch immer) habe.

Als ich dann an diesem Punkt angelangt bin, war für mich ganz klar, dass es

so nicht weitergeht und das ich zwei Möglichkeiten habe. Ich habe mich

entschieden, und seitdem sind so viele wunderschöne Dinge in meinem Leben

passiert. Ihr merkt, dass meine Probleme etwas über die Krankheit Paruresis

hinausgehen, ich möchte aber versuchen den Schwerpunkt darauf zu legen.

Der erste Schritt war, dass ich mich vor den anderen nach und nach geöffnet

habe. Ich habe zuerst meiner Familie von der Krankheit erzählt, dann meinen

engen Freunden. Ungefähr zu dieser Zeit habe ich mich zum ersten mal der

Krankheit gestellt. Ich bin auf eine öffentliche Toilette an einer

Autobahnraststätte gegangen und bin nicht in die Kabine gegangen, sondern

habe mich zu den anderen gestellt, fürchterliches Herzklopfen gehabt und

natürlich keinen einzigen Tropfen Urin verloren. Ich habe sehr auf die

anderen geachtet, war gar nicht in meiner eigenen Haut, fand die Situation

peinlich und die Ängste, die hinter der Krankheit standen sind hochgekommen.

Obwohl diese Erlebnisse, von denen es noch zahlreiche gab immer unglaublich

viel Kraft gekostet haben, da einfach immer genau das passiert ist vor dem

ich so unsagbar viel Angst hatte, nämlich dass ich vor anderen stehe und

nicht urinieren kann, ist nach und nach ein Gefühl in mir entstanden, das

mir gesagt hat, dass es gut ist wie ich handele und dass ich weitermachen

muss. Trotzdem gab es immer wieder die Situation, wo ich es nicht geschafft

habe mich zu stellen, auf die Kabine gegangen bin ohne mich vorher der

Situation auszusetzen. Irgendwann gab es dann Situationen mit meinen engeren

Freunden, wo ich mich ebenfalls der Angst gestellt habe, mich also mit ihnen

zum gemeinsamen Pinkeln begeben habe und wo wiederum gar nichts ging. Die

Früchte dieser Konfrontationen, die echt im ersten Moment einfach furchtbar

waren, habe ich dann nach und nach durch ein stetiges, immer größer

werdendes Gefühl von Stärke getragen: Ich setzte mich meinen Ängsten aus,

ich habe den Mut zu versagen, vor anderen dazustehen und nicht urinieren zu

können. Dadurch dass ich Mut aufgebracht habe ist meine Kraft und neuer Mut

gewachsen, ganz ganz langsam und lange Zeit ohne es zu merken. Und was

letztendlich das Resultat von diesem Prozess und auch mein Ziel war, das

Vertrauen in mich ist gewachsen. Ich habe darauf weiteren Leuten von meinem

Problem erzählt. Ich studiere einen medizinischen Beruf und wir sollten ein

Gesundheitsprofil von uns selbst erstellen. Ich habe dann vor einer Gruppe

von 10 Leuten samt Dozenten mein Problem vorgetragen, was auch wieder eine

Menge Mut gekostet hat, aber wodurch ich so viel gewonnen habe. Ich habe

daraufhin eine Party bei mir veranstaltet, und ich wusste, alle wissen von

meinem Problem. Und anstatt den Befürchtungen die ich immer hatte, alle

würden sich über mich lustig machen etc. bin ich auf Verständnis gestoßen,

habe ich es zum ersten mal geschafft mich in einer Gruppe so richtig wohl zu

fühlen. Das Erlebnis war unendlich schön. Sicherlich gab es Gespräche hinter

meinem Rücken, aber es ist so viel wichtiger ehrlich zu sein und zu sich zu

stehen, man kann nur daraus gewinnen.

Das Problem war noch nicht weg und dadurch, das alle nun davon wussten gab

es Momente, wo die Angst stärker als je zuvor präsent war. Selbst zu Hause

hatte ich teilweise Probleme zu urinieren, ich konnte mich nicht mehr

verstecken und zurückziehen. In meinem Studium bin ich eine Zeit lang im

zehn Minuten Takt auf die Toilette gegangen, ich habe wieder Situationen

vermieden, ich hatte Angst, dass jetzt, wo ich so viel unternommen habe das

Ergebnis ja auch ausbleiben kann und ich immer mit dieser Krankheit leben

muss. Doch das Vertrauen, auch wenn es oft nicht so spürbar und schnell wie

die Angst ist, ist stetig und wächst, wenn man sich seinen Ängsten stellt,

das habe ich für mich gelernt.

Dann kam der Tag, an dem ich meine Angst überwunden habe, ich wusste, dass

es noch einmal an der Zeit war sich zu konfrontieren und bin auf eine sehr

stark besuchte öffentliche Toilette gegangen. Darauf habe ich dann ungefähr

anderthalb Stunden verbracht. Menschen kamen und gingen, einige Kinder waren

dabei und haben zum Lautstärkepegel beigetragen, eine Putzfrau ist

irgendwann gekommen und hat um mich herum geputzt. Ja sogar ein älterer Herr

hat sich neben mich gestellt, konnte nicht urinieren, war durch meine

Anwesenheit peinlich berührt und hat zu mir rübergeschielt, worauf ich ihn

mit Blicken zurückgewiesen habe. Es war mir nicht mehr peinlich. Er ist dann

gegangen ohne zu urinieren. Ein anderer hat sich zuerst ans Pissoir gestellt

und ist danach mit einer zornigen Geste in die Kabine gegangen. Das war für

mich das erste Mal, dass ich einen anderen Menschen gesehen habe, der

ebenfalls unter dem Problem leidet. Als ich gemerkt habe, dass ich noch

nicht kann und meine Beine langsam schwer wurden, bin ich dann etwas trinken

gegangen und wieder zurückgekehrt. Dann, irgendwann war sie weg die Angst,

kam das Vertrauen, war die Umgebung für mich das was sie für viele andere

Menschen auch ist: Ein Raum ohne Angst und Hintergedanken, eine Umgebung in

der man sich entspannen kann. Seit diesem Tag setze ich mich stetig der

Situation aus, aber etwas ist anders. Ich habe die Gedanken erkannt, die

mich blockieren, ich kann sie abstellen, sie leben noch manchmal auf, aber

sie herrschen nicht mehr über mich.

Der Grund warum ich das schreibe ist, dass ich mir wünsche dass es

vielleicht jemanden gibt der das liest und dem das hilft, der vielleicht

einen Gedanken daraus gewinnen kann, der ihm auf seinem Weg mit seiner

Krankheit umzugehen weiterbringt. Ich wünsche Euch Mut und Kraft. Alles Gute

Christian