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bericht michael
"weg"

 

 

geschrieben von Michael am 07.September 2003

Hallo Leute,

durch die webweite Publizierung von Jürgen habe ich nun auch durch Zufall

zu eurer Seite gefunden.

Daher habe ich beschlossen euch nun auch einmal meine Geschichte zu

erzählen. Mein Problem habe ich schon seit ich denken kann, also nicht wie

viele hier beschreiben erst seit der Pubertät. Mittlerweile weiß ich auch

ungefähr, warum sich das so entwickelt hat. Durch ein traumatisches

Erlebnis während meiner frühen Kindheit, hatte ich einige Jahre lang Angst

vor Männern, wollte keiner werden und diese Verhaltensweisen nicht

annehmen. Ich muss etwa um die 4 Jahre gewesen sein damals.

So habe ich von Anfang an immer nur zu Hause auf der Toilette sitzend

uriniert. Schon von Anfang an habe ich mit Einschränkungen leben müssen,

die mein Leben bestimmt haben. Wenn ich zum Beispiel mit anderen Kindern im

Wald gespielt habe, bin ich 2 Kilometer nach Hause gelaufen zum Pinkeln und

als ich zurück kam, war oft niemand mehr da. Aus diesem Grund bin ich auch

nicht bei irgendwelchen Ferienfreizeiten mit dem Turnverein o.ä.

mitgefahren. Natürlich wollte ich etwas daran ändern aber meine Eltern

sahen das Problem und versuchten damals mit Bestechung mein Pinkelverhalten

zu normalisieren. Aus kindlichem Trotz und weil es nicht nach käuflichem

Verhalten sondern nach eigenem Willen (der es auch wirklich war) aussehen

sollte, habe ich mein Verhalten jedoch nicht geändert.

So ging mein Leben weiter, wie viele es beschreiben. Mein Aufenthalt in der

Öffentlichkeit, wie lange ich irgendwo sein konnte, hing ganz alleine von

meinem Blasenfüllstand ab. Ich habe genau geplant, wann ich wie viel

trinken konnte um zum Beispiel während der Schulpausen nicht zur Toilette

gehen zu müssen.

Erst mitten in der Pubertät habe ich beschlossen wirklich dauerhaft etwas

zu ändern. Ich übte immer dann wenn ich ungestört war das Urinieren im

Wald, den Umgang mit Urinalen und öffentlichen Toiletten und nach einiger

Zeit klappte es auch ganz gut, wenn ich alleine war. Aber wo, bei welchen

Veranstaltungen etc. ist man normalerweise alleine? Dieser Fortschritt

machte mich zwar erst mal glücklich aber richtig weiter geholfen hat er mir

nicht.

So plante ich auch in meiner weiterführenden Schule (wo ich den Besuch der

Toilette nicht mehr bis zur Heimkehr aufschieben konnte, da ich oft über 12

Stunden weg war) den Gang zur Toilette ganz genau. Ich beobachtete die Tür

genau, das Ein und Aus, passte meine Geschwindigkeit genau der Entfernung

an, war ich weiter weg, ging ich langsam, beobachtete ob jemand Anderes

auch auf diese Tür zu ging und gab Leuten die sich evtl. noch im Raum

befanden die Gelegenheit ihr Geschäft zu verrichten bevor ich an der Tür

ankam. Sobald ich in geringerer Entfernung war und keiner vor mir den Raum

betreten hatte, rannte ich fast auf die Tür zu und bemühte mich anzufangen,

bevor jemand Anderes den Raum betrat.

Bei mir ist es nämlich so: Wenn es erst mal läuft habe ich keine Probleme

mehr, wenn jemand Anderes dazu kommt aber so lange jemand Anderes mit im

Raum bzw. in Sichtweite ist, kann ich nicht anfangen und dann kommt auch

genau das, was andere auch beschrieben haben. Man gerät fast in Panik, weil

man weiß, dass die anderen Personen eigentlich wenn sie auch nicht alles

sehen könne zumindest ein Plätschern hören müssten, doch nichts passiert.

Die Fortschritte die ich in meiner Entwicklung gemacht habe sind wohl das

weiteste das ich ohne fremde Hilfe erreichen kann, weil jetzt geht es eben

darum, die Anwesenheit von Anderen zu trainieren.

Ich habe praktisch noch mit niemandem darüber gesprochen und hänge jetzt in

meiner Situation schon wieder einige Zeit fest. Ich entwickele großen Neid

gegenüber Personen die überall in jeder Situation egal wie viele Personen

um sie rum sind einfach Hose auf und laufen lassen können. Solche Dinge

brennen sich regelrecht in meinem Gedächtnis fest und ich muss ständig an

meine Unfähigkeit denken, was zusätzlich zu den eigentlichen Problemen eine

Belastung darstellt.

Warum ihr alle so ein englischsprachiges Buch schwärmt ist mir allerdings

etwas rätselhaft. Bücher können, so meine Erfahrung, Probleme nicht lösen.

Und ich glaube auch, dass ich alles was ich über dieses Problem wissen muss

auch schon weiß.

Ich habe ein Buch zu einem anderen Thema gelesen. Es ging um das sich zur

Wehr setzten gegen Verbalangriffe, eine Sache die mir auch einige

Schwierigkeiten bereitet. Ein wirklich tolles Buch aber ich bin trotzdem

noch der selbe Mensch, obwohl ich es gelesen habe. Allerdings wo ich jetzt

eine Person finden soll, jemandem dem ich genug Vertrauen schenken kann,

darüber zu sprechen und zu üben? Da bin ich völlig ratlos...

Guten Rutsch und frohes Pinkeln

Michael

04.09.2003 Heute sieht die Welt schon ganz anders aus. Jedenfalls bezüglich

dieses einen Problems.

Zunächst einmal etwas paradoxes. Ich bekomme es immer noch nicht gebacken,

Leuten in meinem Umfeld (selbst denen, die von dem Problem wissen) zu sagen

"Ich muss mal pinkeln", "Ich muss mal pissen" oder ähnlich (je nach

Situation und Umfeld). All die Jahre habe ich diese Sätze nie gebrauchen

müssen, weil meine Selbstkontrolle und mein Vermeidungsverhalten besonders

ausgeprägt war und auch jetzt rede ich noch drum herum doch es ist

sicherlich eine Frage der Zeit, bis ich das auch noch schaffen werde.

Jetzt zu der Erfolgsmeldung. Gestern in der Stadt:

Ich war zuerst in einer richtig vollen Kneipe, hatte vorher schon eine

Menge Flüssigkeit zu mir genommen (von nichts kommt nichts) und mich dann

in die Höhle des Löwens begeben.

5 Urinale. 3 Kabinen, davon eine belegt. Am rechten Urinal war jemand am

Pinkeln, im Vorraum (links) stand jemand einfach so herum. Ich stellte mich

ans linke Urinal und konnte tatsächlich pinkeln (es dauerte zwar einige

Sekunden aber immerhin). Dann kamen noch 2 Leute in den Toilettenraum,

stellten sich an die beiden Urinale neben mich und aus der Kabine kam einer

heraus und ich stand neben ihnen und pinkelte wie ein "Normalo". Das war

doch mal eine tolle Erfahrung.Später besuchte ich noch in einer anderen

Kneipe die Toilette aber da war es so leer, dass dies überhaupt kein

Problem darstellte.

Vor der Rückfahrt nach Hause, pinkelte ich noch mal in Anwesenheit eines

Freundes auf dem Parkplatz in die Büsche. (Er weiß von der Problematik und

deswegen ist es leichter als in Gegenwart von oberflächlich Bekannten aus

dem Kollegenkreis oder so zu urinieren).

Ihr werdet es sicher kaum nachvollziehen können aber ich meine es total

ernst. Manchmal habe ich mittlerweile sogar das Gefühl, dass es richtig

schade ist, wenn ich zu hause pinkle und niemand anderes dabei ist.

Ich bin sicherlich noch nicht vollkommen geheilt (insbesondere wegen der

sprachlichen Barriere) und weil ich einige Situationen immer noch meide.

Wären direkt drei der vier Urinale besetzt gewesen und ich hätte in die

Mitte zwischen zwei andere Pinkler gemusst, wäre das sicher eine

interessante Herausforderung. Das habe ich mich allerdings noch nicht

getraut. Aber ich habe wirklich gewaltige Fortschritte gemacht. Mein Dank

gilt Herrn Hammelstein und dem Düsseldorfer Forschungsprojekt und der Seite

http://www.paruresis-europa.de (damals noch http://www.paruresis.co.uk/) ,

durch die ich erst darauf aufmerksam wurde.

07.09.03 Ermutigt von den bisherigen Erfolgen habe ich heute wieder etwas

Interessantes erlebt. Ich war in der selben Kneipe, wieder die fünf

Urinale. Am linken und am rechten stand je ein Fußballfan und durch den

Raum hinweg unterhielten sie sich lautstark miteinander. Ich habe kurz

überlegt und mich dann zwischen die beiden an das mittlere Urinal gestellt.

bei dem rechten lief es schon und auf den linken habe ich gar nicht

geachtet. Es hat zwar einige Sekunden gedauert aber dann konnte ich auch

pinkeln und das witzige für mich war, dass der linke Fußballfan plötzlich

sagte „so kann ich nicht pissen“ und in die Kabine verschwand. Wahnsinn und

ich stand da und es lief. Das hat mir wirklich den Abend gerettet. Dann

kamen natürlich noch Leute dazu, viel Rennerei hinter mir in die Kabinen

rein und so, aber das war dann kein Problem mehr.

Unglaublich. Vor ein paar Monaten hätte ich nie gedacht, dass das so

schnell gehen kann.

Jetzt hoffe ich natürlich auch wieder ermutigt auf Fortschritte bei meinen

anderen, noch sehr stark vorhandenen Problemen.

Michael